Verlieren ist relativ. Kopf hoch!

Peter Schwöbel, Januar 2021

Fast geschafft!

Boris Herrmann? Genau, das ist der Wahnsinnskerl, der nicht nur Greta über den großen Teich chauffiert hat, sondern auch heute Vormittag mit der „Sea Explorer – Yacht Club de Monaco“ ein Rennen um die Welt beendet hat. Das hat er ganz alleine gemacht – wie die anderen Teilnehmer auch. Es gibt einige interessante Details zum Rennverlauf. So hat Herr Herrmann irgendwo in den Weiten eines Ozeans geholfen, einen Mittbewerber zu retten. Dafür hat er eine Zeitgutschrift erhalten und ist kurz vor dem Ziel, obwohl nicht an erster Stelle liegend, mit um den Sieg gefahren.

Ausgerechnet Fisch.

Gestern Abend, 90 Seemeilen vor dem Ziel – ein Experte hat fix gerechnet: nach 99,6% der Gesamtstrecke – kollidiert Herrmanns Yacht mit einem Fischtrawler. Glücklicherweise wird niemand verletzt, aber Herrmann muss, im Schneckentempo weiter fahrend, die Konkurrenz vorbeiziehen lassen, kommt schließlich als Fünfter ins Ziel und wird aufgrund seiner Rettungsaktion als Vierter gewertet. Nach über 2 ½ Monaten liegen bei der Zieleinfahrt die besten Skipper nur wenige Stunden auseinander.

Management Summary.

Du fährst alleine ohne Hilfe 80 Tage in einer Höllenmaschine ein Rennen über die Ozeane der Welt, schepperst gefühlte drei Meter vor der Ziellinie gegen einen Fischkutter und wirst Vierter statt das Ding zu gewinnen.

Fehler? Ich?

Fählerkultur. Fehlerugur. Pfehlerkutter. Moment. Fehlerkultur! Ist in aller Munde, muss man machen, hab ich auch lange drüber nachgedacht. Und finde ich tatsächlich sehr wichtig – im Beruflichen wie im Privaten. Besonders schick ist es gerade in beruflichen, sozialen Netzwerken, ganz offen über seine Fehler zu reden, fast könnte man meinen, damit Werbung machen zu müssen. Das ist eine interessante Entwicklung und die Idee dahinter gefällt mir sehr gut, aber lasst uns noch ein wenig über die Art und Weise streiten.

Finde den Fehler!

„Echte“ Fehler – Fehler, die echt weh tun. Das sind die, die besser nicht passiert wären. Die, die mir wirklich eine Lehre sind. Die, die ich gerne rückgängig machen würde. Und bei vielen Fehlern muss ich erst einmal genauer hinsehen. Ich weiß nicht, was bei Boris Herrmann falsch gelaufen ist. Es ist etwas falsch gelaufen, sonst setzt man nicht die Yacht, die der Eigner nach dem Rennen für 2,7 Millionen Euro verkaufen will, und die einen mehrfach sicher über die Weltmeere gebracht hat, kurz vor dem Ziel gegen einen anderen Verkehrsteilnehmer. Aber alle Alarmsysteme waren angeschaltet, Herrmann hatte sich kurz ausgeruht als es zur Kollision kam, vielleicht hat er Nullkommagarnix falsch gemacht.

Mir war Boris Herrmann bis vor Kurzem völlig unbekannt. Er hat in den letzten Wochen Schlagzeilen gemacht, war der erste deutsche Teilnehmer mit Siegchancen bei dieser Regatta, hat die Fachwelt mit seinem hervorragendem Abschneiden beeindruckt, hat eine waschechte Heldenreise hinter sich und wird sicher sehr bald mit Herrn Lanz vor der Kamera sitzen. Irgendjemand hat Mist gebaut und deswegen schreibe ich hier über Herrn Herrmann und klicke mich seit Stunden durch Webseiten mit ganz tollen Bildern von ganz tollen Booten auf ganz tollen Meeren. Seufz …

Ich nehme mal an, dass Herr Herrmann nicht seine Berufswahl, die Entscheidung, an diesem Rennen oder an der Rettungsaktion für den Konkurrenten teilzunehmen, auch nur den Bruchteil einer Sekunde in Frage stellen würde. Vielmehr scheint er das, was er tut, mit großer Leidenschaft und all seiner Kraft zu tun. Das dabei nicht alles reibungslos läuft, scheint angesichts der extremen Welt, in der er sich bewegt, kaum zu verwundern. Finde den Fehler …

Aber ich?

Ich träume seit Jahren von einem Bootsführerschein, war aber in meinem ganzen Leben kein einziges Mal Segeln – ich bin mir nicht ganz sicher, ob das ein Fehler ist (Einladungen zur Klärung des Sachverhalts bitte an diese Adresse).

Im Ernst, wie sieht es denn aus? Was läuft denn gerade falsch? Wo bin ich gerade richtig, wo bin ich falsch aufgehoben? Wen sollte ich dringend mal wieder anrufen, wem habe ich viel zu lange nicht gesagt, was sie oder er mir bedeutet? Was ist wirklich wichtig, wo ist meine Energie gut aufgehoben. Nicht jeder echte Fehler muss ein schwerer sein – vielleicht genügt schon ein klärendes Wort und eine Entschuldigung für ein böses Wort am Vorabend.

Aber vielleicht muss ich auch einen echten, schweren Fehler endlich anerkennen, ihn akzeptieren und es „ganz einfach“ beim nächsten Mal besser machen. Das ist wahrscheinlich das Beste, was ich aus diesen Fehlern machen kann.

Und schließlich würde ich mich gerne einmal mit Herrn Herrmann übers Segeln unterhalten …

Hinweis: Ganz viele Ders können auch Dies sein, ich habe das ausschließlich zur besseren Lesbarkeit vereinfacht. Bild: © Adobe Stock

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